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Warum X-Kan keine Koryū ist

Illustration im Stil eines japanischen Farbholzschnitts.
Illustration im Stil eines japanischen Farbholzschnitts.

Praktizierende, die Bujinkan, Genbukan oder Jinenkan trainieren, sind oft irritiert darüber, weshalb ihre traditionellen Schulen, wie zum Beispiel die Takagi Yoshin-ryū, in Japan nicht als Koryū-Schulen anerkannt werden.

Die beiden Dachverbände

In Japan gibt es zwei offiziell anerkannte Dachorganisationen: die Nihon Kobudō Shinkōkai (日本古武道振興会 – Gesellschaft zur Förderung der traditionellen japanischen Kampfkünste) und die Nihon Kobudō Kyōkai. Die Shinkōkai ist eine der beiden massgeblichen Vereinigungen zur Erhaltung und Anerkennung legitimer Koryū, also klassischer Kampfkünste, deren Ursprünge vor 1868 liegen.

Beide Verbände prüfen die historische Abstammung (Lineage) und die Authentizität der Schulen streng, um gefälschte oder moderne Ableger auszusortieren. Zudem veranstalten sie jährlich grosse Vorführungen (Enbu Taikai), um die Koryū-Schulen zu fördern und der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Was bei der Prüfung geschah

Masaaki Hatsumi, das Oberhaupt des Bujinkan, war mit seinen Schriftrollen und Angaben zur Lineage bei diesen Verbänden vorstellig. Keine seiner neun Schulen erfüllte jedoch die entsprechenden Vorgaben. Er verfügte über keine historischen Schriftrollen, und die angegebenen Abstammungslinien konnten nicht nachvollzogen werden.

Diese Information wurde dem Autor dieses Artikels, Raoul Haldimann, 7. Dan und Menkyo Kaiden der Motoha Yoshin-ryū, persönlich von einem Sōke, also dem Oberhaupt einer der anerkannten Schulen, mitgeteilt.

Meine eigene Einschätzung

Ich persönlich bin überzeugt, dass gewisse Verbindungen zwischen der Takagi Yoshin-ryū und der ursprünglichen Takagi-ryū bestehen. Die Übertragung fand jedoch nie offiziell über ein Menkyo Kaiden oder einen Sōke statt, sondern über mittlere Dan-Grade. Eine solche Übertragung gilt in den traditionellen Koryū nicht als offizielle Weitergabe der Schule.

Wenn ich heute die Techniken der ursprünglichen Takagi-ryū mit den Techniken vergleiche, wie sie im Bujinkan oder Jinenkan praktiziert werden, fehlen meiner Ansicht nach wesentliche Elemente. Meiner Einschätzung nach fehlen sogar die grundlegenden Kernprinzipien der ursprünglichen Tradition.

Wie bereits erwähnt, liegt der wesentliche Hintergrund jedoch darin, dass Hatsumi keine ausreichenden Belege für die historische Linie seiner Schulen vorlegen konnte. Dies gilt meiner Einschätzung nach sicherlich auch für das Jissen Kobudō Jinenkan und für die meisten Schulen des Genbukan.

Warum nicht mehrere Schulen gleichzeitig

Es ist übrigens auch nicht üblich, dass in den traditionellen Koryū mehrere Schulen gleichzeitig gemeinsam unterrichtet werden. Meistens lernt ein Schüler zunächst ein einziges System. Erst wenn er dieses ausreichend gemeistert hat, lernt er möglicherweise ein zweites.

Ausnahmen bestehen beispielsweise dann, wenn eine Schwertschule und eine Jūjutsu-Schule miteinander kombiniert werden. In einem solchen Fall kann es sinnvoll sein, zwei Schulen gleichzeitig zu trainieren, da sich deren Inhalte nicht oder nur wenig überschneiden.

Systeme, bei denen mehrere unterschiedliche Traditionen parallel unterrichtet und miteinander vermischt werden, gelten aus Sicht traditioneller Schulen in der Regel nicht als seriöse Weitergabe einer einzelnen Tradition. Das Hauptziel einer Koryū ist schliesslich die Erhaltung der jeweiligen Schule und ihrer überlieferten Tradition – und nicht die Vermischung verschiedener Systeme oder das Herauslösen einzelner Elemente und einer daraus entstehenden neuen Synthese.


Raoul Haldimann, 7. Dan und Menkyo Kaiden der Motoha Yoshin-ryū, Yoshinkan Dōjō Zug. Der Text gibt die Auffassung des Autors wieder.

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